Rückblick »In den Gängen« – Preview mit anschließendem Filmgespräch

By Katharina Waltrich Juni 1, 2018

Am 23. Mai konnten Mitglieder der filmsociety den Publikumsliebling der Berlinale „In den Gängen“ von Thomas Stuber noch vor dem regulären Kinostart sehen. Christian Meyer-Pröpstl, Leiter der filmsociety, reflektierte anschließend mit der Filmexpertin Ingrid Bartsch über einige Aspekte des Melodrams und lud die Zuschauer zur Diskussion ein.

Als Christian durch die Gänge des Großmarkts hindurch Marion zum ersten Mal sieht, ertönt Meeresrauschen. So beginnt eine skurrile wie sensible Liebesgeschichte zwischen dem Neuen aus der Getränkeabteilung und Miss Süßwaren.
Und dann gibt es noch Bruno, ehemals Fernfahrer vor dem Mauerfall. Er führt den schweigsamen Christian als neuen Kollegen nüchtern an den Alltag und die Eigenheiten des Großmarkts heran, um ihn schon bald väterlich unter seine Fittiche zu nehmen.

Die gleichnamige Kurzgeschichte von Clemens Meyer ist die Grundlage des Films. Meyer erarbeitete gemeinsam mit Regisseur Thomas Stuber das Drehbuch, welches beiden 2015 den Deutschen Drehbuchpreis einbrachte. Clemens Meyer arbeitete selbst während seines Studiums drei Jahre lang in einem Großmarkt und lässt nur erahnen, welche seiner Erfahrungen dort in sein literarisches Werk einflossen.

Irgendwo in der Nähe von Leipzig befindet sich der Großmarkt, der, prominent inszeniert, im Film selbst zum Protagonisten zu werden scheint. Wir folgen der Kamera von oben durch die Gänge, hören dabei den Donauwalzer, sehen Schönheit beim Anblick eines Gabelstaplers, der sich, so scheint es, anmutig durch den Raum bewegt. Ingrid Bartsch äußerte sich im Filmgespräch zum so prägnant zum Einsatz gebrachten Setting: „In den Gängen“ sei ein Film über Räume. Hauswände, Zäune, Grenzen und Öffnungen spielen eine große Rolle. Und während diese als stille Nebendarsteller präsent sind, liegt hinter allen und vielleicht auch über allem noch die Öffnung der DDR, ohne die die Konstellation des Kollegiums in diesem Kapitalismustempel gar nicht denkbar wäre. Paradoxerweise stellt für Bruno der Mauerfall eine Eingrenzung dar. Er vermisst die Freiheit, die er auf der Straße, während seines Fernfahrerjobs in der DDR, empfand, und die mit der Aufnahme seines Jobs im Großmarkt buchstäblich beschnitten wurde.

Den Umgang mit den räumlichen Gegebenheiten ihres Arbeitsplatzes pflegen die Angestellten auf ihre Art. Sie machen ihn sich zu eigen, indem sie Namen für die Räume nach deren Charakteristika in den alltäglichen Sprachgebrauch etablieren. „Am Meer“ warnt Bruno Christian vor Marion. Sie wiederum sucht Christians Nähe schließlich in „Sibirien.
Alles hat hier seinen festen Platz. Die Ordnung der Waren in den Regalen, genau wie die großartig in Szene gesetzten Arbeitsstrukturen und –rituale, stellen einen Kontrast zu den komplexen und wohl auch etwas verlorenen Existenzen dar. Ebenso gegensätzlich zur saloppen Sprache innerhalb des Kollegiums und vor allem der schnöden Arbeitsrealität, ist die literarische Sprache Christians, des Beobachters und Ich-Erzählers der Geschichte, aus dem Off. Im wahren Leben zwischen den Supermarktgängen ist er ganz und gar wortkarg.

Wahrhaftigkeit, etwas nach dem Schauspieler sich sehnten, fand der Darsteller Franz Rogowski während des Drehs auf die eindrücklichste Weise, wie Ingrid Bartsch verriet: Natürlich musste für den Dreh auch Gabelstaplerfahren gelernt werden. Eine tonnenschwere Palette aus einem meterhohen Gang heraus zu balancieren brachte den gewünschten Effekt für Rogowski mehr als deutlich zum Vorschein.

Mit Sandra Hüller, Peter Kurth und Shootingstar Franz Rogowski fand sich das perfekte Ensemble für diesen leisen, schönen Film. Unsere Empfehlung für alle, für die Poesie und Alltägliches einander nicht ausschließen.

 

FOTO: Zorro Film