Rückblick »jour fixe mit Annette Wieners«

By Ulla Egbringhoff Oktober 14, 2020

Annette Wieners, Kölner Journalistin und Autorin, war zu Gast beim jour fixe des KunstSalon, den wir aufgrund der steigenden Zahl an Corona-Infizierten kurzfristig ins Netz gelegt haben. Und es wurde ein sehr aufschlussreiches und persönliches Gespräch über ihren Roman „Das Mädchen aus der Severinstraße“ (erschienen im Blanvalet Verlag), der besonders in Köln große Aufmerksamkeit gewonnen hatte.

In diesem Roman erzählt sie von zwei Frauen, von Enkelin und Großmutter, die nach dem Tod des Großvaters Geld und Gold im Haus finden. Sie wissen nicht, woher dieses Vermögen stammt und  begeben sich auf Spurensuche. Es entwickelt sich eine Familiengeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus, die auch von Geschäften kriegswichtiger Betriebe, der zeithistorischen Rolle der Modefotografie  und der Not jüdischer Familien in Köln erzählt. Annette Wieners führte sehr anschaulich aus, was sie bei ihren Recherchen über Köln im Nationalsozialismus, über das Alltagsleben z. B. in der Severinstraße oder über Kölner Firmen, die sich sehr gut mit der Ideologie der Nazis arrangierten, herausgefunden hat. Besonders interessant ist die Rolle der Mode im Nationalsozialismus, die noch immer nicht in Gänze erforscht ist. Ein Dilemma hatten die Nazis nämlich: wie konnten sie mit dem Chic und der Eleganz der Pariser Mode mithalten, von der Magda Goebbels so fasziniert war und wie sollte die „deutsche Frau“ überhaupt aussehen? Fast amüsant war es zu hören, wie Annette Wieners von den Widersprüchen, mit denen Magda Goebbels zu tun hatte, erzählte.

Annette Wieners bediente sich einiger Begebenheiten aus ihrer eigenen Familiengeschichte, ihre Großmutter wollte wirklich unbedingt Fotomodell werden, und ja, auch der Fund des Geldes beruht auf wahren Begebenheiten. Die Figur des Großvaters aus dem Roman hat hingegen nicht viel mit ihrem eigenen Großvater zu tun, Annette Wieners recherchierte weiter und musste dabei erfahren, dass auch er Mitglied der NSDAP war. Worüber – wie in vielen Familien – zu Hause nicht gesprochen wurde.

Annette Wieners hatte nach der Veröffentlichung des Romans noch sehr viel Material, auch viele Tondokumente, und als Frau des Rundfunks hat sie einen Podcast entwickelt, um über all die Zusammenhänge rund ums Buch Weiteres zu erzählen. Sie nutzt den Podcast auch, um mit ihren Leser*innen ins Gespräch zu kommen, die ihr wiederum von ihrer Kölschen Familiengeschichte erzählten. Interviews sind in diesem Podcast mit dem Titel „Das Mädchen aus der Severinstraße“ auch mit einigen Persönlichkeiten wie Henriette Reker und Wolfgang Thierse zu hören und wir legen Ihnen das Hören dieses Podcast sehr ans Herz. Einfach zu finden über die Homepage von Annette Wieners. https://www.annette-wieners.de/derpodcast/ oder überall da, wo es Podcasts gibt.


Wir danken sehr für das sehr lebendige und persönliche Gespräch!